Folge 40

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XI

Umweg in die Marschen

24. Tag im sommerlichen Wechselmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Coronilla war hier gewesen, in einem Dorf namens Niederschobern. Gestern bin ich durch das Dorf durchgekommen. Es war heiß und ich bat einen alten Hutzelbauern, der dort auf einer Bank saß, um einen Schluck Wasser. Er stand auf und schlurfte zum Brunnen. Als er zurückkam, fasste er mich scharf ins Auge.

»Wir kennen uns doch«, sagte er schließlich. »Du bist doch …« Er suchte nach einem Namen »Corvina? Du bist doch diese wandernde Halblingsfrau, die mir meine kranke Sau gesund gemacht hat! Das muss ja eine Ewigkeit her sein.«

Ich stellte mich als Coronillas Nichte vor und bekam einen Becher Wein angeboten. Der Alte erinnerte sich gut und mit Dankbarkeit an meine Tante.

»Ohne sie … Das wäre schlimm gewesen. Ich war noch viel jünger als heute und wollte damals mit der Schweinezucht beginnen. All meine Ersparnisse hatte ich in eine Zuchtsau gesteckt. Und kaum war sie bei mir im Stall, da bekam das dumme Vieh Fieber! Und dann stand da plötzlich deine Tante neben dem Pferch. Sie trug genau dieses Kleid. Sie stand da und fummelte an meinem Schwein herum. Ich wollte sie wegscheuchen. Der armen Sau ging es ja schlecht genug. Doch ehe ich etwas sagen konnte, kramte sie in ihrer Tasche und gab mir ein seltsames, bitteres Salz. ›Koch es auf in Wasser und gib es dem Schwein‹, sagte sie. ›Das wird helfen. Und dann reiß unbedingt die Rotwinde aus‹ Sie deutete auf ein Unkraut, das ich bisher nie beachtet hatte. ›Es ist giftig, doch dein Schwein weiß das nicht und es schmeckt ihm anscheinend. Das Kraut hat deine Sau krank gemacht.‹ Und was soll ich sagen … drei Tage später war die Sau wieder kerngesund und munter. Doch deine Tante war da schon längst weitergezogen. Ich konnte mich nie bedanken.«

Er erzählte mir noch einiges mehr über Coronilla. Damals war sie schon allein unterwegs gewesen. Sie war wohl auf dem Rückweg in die Rotsteinberge, denn sie war allein, wirkte krank und sie kam vom großen Fluss herauf.
Davon abgesehen war es nur wenig, was ich nicht schon gewusst hatte.
* * * *

5. Tag im Füllemond im1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Liebes Tagebuch. Heute hat mir die Tintenklexerei zum ersten Mal etwas Handfestes eingebracht. Ich habe in dir in einem Gasthaus grade etwas schreiben wollen, da sah das der Wirt, ein Riese, selbst für einen Menschen. Er fragte mich, ob ich für ihn einen Brief schreiben könne? Und so schrieb ich dann seinem Bruder in Garbath, dass ein Nachbar gestorben sei und dessen Hof nun zum Verkauf anstünde. Wenn er Geld genug habe, könne er ein gutes Geschäft machen.

Als Dank für den Brief, den ich ihm geschrieben hatte, bekam ich ein reichhaltiges Abendessen und einen angenehmen Schlafplatz. Das Schreiben ist einfach. Es ist ein leicht verdientes Abendessen gewesen. Ob man so auch sein Geld verdienen kann? Wo mag es wohl genug Leute geben, die einen Brief geschrieben haben wollen? Vermutlich muss ich in die Stadt.
* * * *

9. Tag im Füllemond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Einer der Großen sprach mich gestern an, ob ich nicht etwas verdienen wolle? Und nun werde ich mich morgen als Kaminkehrer versuchen.
* * * *

10. Tag im Füllemond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Ich traf den Mann am Morgen an der vereinbarten Wegkreuzung. Zu meiner Verwunderung hatte er ein Kind dabei. Ein mageres Mädchen, knapp so groß wie ich, dürr, ausgemergelt und mit riesigen, traurigen Augen. Was mich noch mehr wunderte, war, dass sie so stark nach Rauch roch, sehr viel stärker als der lange Kerl.

Etwas später wunderte ich mich nicht mehr. Da wusste ich dann Bescheid. Der lange Kerl macht ja kaum etwas! Nur kassieren – das tut er. Die Kleine ist nicht, wie ich zunächst dachte, seine Tochter. Er hat sie von einem armen Bauern gegen ein hübsches Sümmchen »ausgeliehen«.

Wir kamen also an einen Hof und er handelte mit dem Bauern etwas aus. Dann herrschte er uns an, fix den Herd zu säubern. So nahmen wir einen Reisigbesen und fegten die Reste des Feuerchens an die Seite. Der lange Kerl legte ein grobes Tuch auf die nun blanke, gemauerte Herdstelle und hängte den Rauchfang mit ein paar weiteren Tüchern ab. Auch das machte er selbst, denn er war ja viel länger als wir.

Dann hieß er mich, gut achtzugeben. Das Mädchen wickelte sich feuchte Lumpen um die Hände und band sich ein Kopftuch um. Dann nahm sie einen kurzen Besen aus grobem Reisig und er half ihr in den Schornstein hinauf.

Bei uns daheim wird der Schornstein vom Dach aus gefegt. Man steigt hinauf und lässt Bürsten und Besen an einem Seil oder einer Kette herab. Doch die Menschen hier schicken Kinder von unten in den Kamin hinauf.

Eine Weile hörte man nicht viel. Flink wie ein Eichhörnchen muss sie ganz hinaufgestiegen sein, denn plötzlich begann es, von ganz oben zu prasseln und zu rieseln. Im Hinunterklettern schrubbte und fegte sie den Kamin von innen mit ihrem Besen gründlich ab. Als sie unten war, stellte sich unser Meister hinein und wies auf ein paar Stellen, dann jagte er sie erneut hinauf, zum Nachbessern. Dann endlich war die Kleine fertig.

Und morgen soll das meine Arbeit werden.
* * * *

Folge 39

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13. Tag im sommerlichen Wechselmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Es war diesmal noch schlimmer. Wir stiegen tiefer in den Berg. Hinunter und immer weiter hinein. Ich fragte, ob denn hier nicht auch das Wasser aus dem Berg hinausfließen solle, doch der Zwerg grummelte etwas, was ich lieber nicht verstehen wollte. Nach einer Weile aber ging es dann wieder ein Stück hinauf.

Und dann waren wir da: Erneut ein enger Gang, mit einem Karren, ein weiterer Kriechgang mit einem Haufen, diesmal aus frisch gebrochener Kohle. Erneut zerrte und schleppte ich einen Lederkorb zu dem Karren. Dieser Karren war kleiner. Für ihn gab es kein Grubenpony. Diesmal musste ich selbst den Wagen ein Stück schieben, bis zu einer Rampe. Dort konnte ich dann die Kohlebrocken in die Tiefe werfen.Sie polterten die Rampe hinunter und landeten dort genau in einem größeren Karren. Dies war der Karren, den die Halblinge mit den Ponys später austauschten. So kam die Kohle ans Tageslicht.

Die Arbeit war hart und die Luft war schrecklich. Schlimmer als im Erzstollen. Hier stank es nach faulen Eiern. Doch auch das war nicht das Schlimmste. In dieser Luft litt ich unter ständigem Durst.

Zwar bekamen wir täglich – ich nehme an, es war täglich – einen Korb mit Brot und verdünntem Wein. Doch der Krug war zu wenig, meinen immerwährenden Schwelbrand in der Kehle zu löschen. Ich war erleichtert, als es eines Tages begann, von der Decke zu tropfen. Ich fand das Wasser eher erfrischend als lästig, doch Dôlroin wurde sofort fuchsteufelswild.

Ich verstand die Aufregung nicht, doch während ich noch der Schimpftirade des Zwergs lauschte und ich das erste Mal seit Tagen lächelte, begann ein kleines Rinnsal aus der Nische zu rinnen, in der Dôlroin gearbeitet hatte, das rasch anschwoll. Der Zwerg schnappte den Korb und mich und im Laufschritt eilten wir dem Ausgang zu. Wir rutschten mehr die Leitern hinab, als dass wir sie hinunter stiegen und tiefer und tiefer ging es hinunter. Das Wasser begleitete uns. Von oben plätscherte ein stetiger kleiner Bach zwischen unseren Knöcheln und von den Wänden troff es in Abertausenden von Topfen herab. Der Zwerg fluchte in einer Tour. Als wir fast ganz unten angekommen waren, stand mir das Wasser bis zum Bauch und immer noch mehr Wasser strömte nach und es stieg.

So schnell es nur ging rannten wir durch die Stollen, dem Ausgang zu. Wenn der Pfad etwas bergan führte, ging es ein wenig schneller voran, denn dann stand das Wasser etwas niedriger. Doch fiel der Weg ab, wurde das Wasser rasch tiefer. Es reichte mir bald zu den Knien, oder bis zur Hüfte. Einmal mussten wir sogar ein Stück schwimmen. Dabei erlosch die Laterne. Das schwarze Nichts … ein lichtlosen Grauen! Kein Wort kann es fassen …

Bisher hatte Dôlrhoins kleine Laterne das Schwarz wenigsten ein kleinwenig zerfunzelt. Doch nun war die kleine Flamme zischend erloschen. Nur mehr der Klang unseres Hastens und der Hall der unzähligen Tropfen waren zu hören. Von diesem Moment an hielt ich mich nur mehr krampfhaft am Gürtel des Zwerges fest. Wie sich der Zwerg orientierte, ist mir noch immer völlig schleierhaft. Ich weiß nur, dass er den Weg fand. Hätte ich den Gürtel losgelassen, ich wäre verloren gewesen. So patschten wir so schnell es nur ging in nasser Kälte durch die Finsternis den Gang nach oben. Endlich war das Wasser nur mehr knöcheltief und in mir begann ein Schimmer der Hoffnung zu glimmen.

Wir verließen den Berg in einer schwarzen Nacht, voller Wolken und Regen. Doch die schwärzeste Nacht kam mir wunderbar hell vor gegen die lichtlose Finsternis im Berg. Wir waren gerettet. Ohne Dôlroin wäre ich ersoffen oder verhungert, wenn ich nicht vor Angst gestorben wäre.

Erneut schlief ich fast komplett drei Tage durch. Erst danach erfuhr ich, dass ein schlimmer Wolkenbruch uns im Berg fast hatte ersaufen lassen. In den Berg konnte im Moment niemand mehr – zumindest nicht, solange das Wasser in den Gängen nicht versickert war. Und ich für meinen Teil war sicher, ich würde nie mehr auch nur einen Fuß in das Bergwerk setzen. Nicht für alles Gold der Welt.

Inzwischen hatte Frumal, der Bergherr, mit der Verhüttung begonnen. Als ich wieder erholt war, half ich dabei mit und schleppte körbeweise Erz und Kohle zu einem großen Ofen. Es war kaum mehr als eine große, gemauerte Röhre. Dort stand der Herr des Bergwerks auf einem Gerüst und füllte, hinter dem Schutz eines tropfnassen Lederschildes, immer wieder abwechselnd ein paar Schaufeln Kohle oder Erz von oben in den schmalen Schlot ein.
* * * *

17. Tag im sommerlichen Wechselmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Drei Tage befeuerten wir den Ofen, dann schlug Frumal einen porösen Zapfen aus Lehm am Fuß des Ofens heraus. Hellrot glühend und flüssig wie Pfannkuchenteig rann das Eisen in eine Reihe von Gruben, wo es zu Barren gerann. Als es erkaltet war und gewogen wurden, konnte endlich abgerechnet werden.

Nie wieder Bergwerk. Zwar habe ich einen netten Beutel voller klingender Münzen erhalten, doch das wiegt den Schrecken und die Angst nicht auf. Der Zwerg bekam als Hauer den doppelten Lohn. Doch selbst wenn ich all das Geld von Frumal hätte, es wöge das Grauen im Finsteren nicht auf. Immerhin leide ich im Moment keine Not und habe keine allzu drängenden Sorgen.

Folge 38

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X

Unter Tage

30. Tag im Grünmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Nun bin ich Hauergehilfin. Es sind mit mir noch drei andere Halblinge hier. Sie sind mürrisch und ausgemergelt. Kein Wunder, denn die Arbeit ist unglaublich hart.

Es fing ganz harmlos an. Ein mürrischer Zwerg, Dôlroin, etwas größer als ich, aber fast doppelt so breit und stark wie ein Eber, drückte mir eine Filzkappe auf den Kopf und eine kleine Blechlampe in die Hand. Dann ging es mit den anderen in den Berg. Erst war da ein Stollen, horizontal in den Berg getrieben, das heißt nicht ganz waagerecht. Er stieg leicht an, »damit das Wasser herausläuft«, erklärte mir »mein« Zwerg. Nach einer kleinen Ewigkeit, die wir sachte bergan stiegen, bog der Stollen plötzlich ab und verzweigte sich. Eine verwirrende Vielzahl von Stollen führte nun bald hierhin, bald dorthin und binnen Kurzem kannte ich mich nicht mehr aus.

»Bleib ja bei mir. Wenn du dich hier unten verirrst, bist du so gut wie tot«, meinte der Zwerg und ich glaubte ihm das aufs Wort.

Nach etwa einer Stunde, die wir durch das Labyrinth gestapft waren, kamen wir an. Meine Arbeitsstelle lag in einem niedrigen breiten Kriechgang, der nach oben führte, und schien ein Haufen Geröll zu sein. Dôlrhoin hängte meine Lampe auf und lehrte mich eine Stunde lang im Funzellicht mit Fingern, Augen und notfalls der Zunge taubes Gestein von wertvollem Erz zu unterscheiden. Das taube Gestein schaffte ich durch eine Felsspalte in die Schwärze der Tiefe einer Felsspalte. Das Erz lud ich in eine große Tasche aus Leder und schleifte diese dann durch den Kriechgang nach unten. Da stand ein Karren. In diesen Karren hinein lehrte ich den Inhalt. Dann kroch ich zurück. Ich füllte die Tasche erneut unter den kritischen Augen Dôlroins. Immer wieder schleppte ich den schweren Beutel zu dem Karren. Nach einer Weile hatte der Zwerg an meiner Arbeit nichts mehr auszusetzen.

Ich war froh, denn Knie und Rücken taten mir schon weh. Ich wollte schon frohlocken, denn der Geröllhaufen war schon deutlich kleiner. Da zündete Dôlrhoin seine Laterne an und verschwand hinter dem Haufen nach oben in einer Felsspalte. Dort lagen Erzhaue, Hammer und Meißel für ihn bereit. Ich sah, wie eh sich in dem Spalt zurechtlegte und mit den Beinen an die Wand stemmte. Nun nahm er die Haue, hieb sie in den Stein und begann am Holzstil zu rütteln. Drei oder vier Hiebe, dann krachte ein kopfgroßer Erzbrocken herunter, kullerte und landete – genau vor mir auf dem Haufen.

Es war eine gute Ader. Das erfuhr ich später. Es gab nur wenig taubes Gestein, das ich entsorgen musste. Eine endlose Kolonne von solchen Brocken, alle erzhaltig, kullerte und rollte aus Dôlroins Spalt auf mich zu. Ich schleppte, zog und zerrte Beutel um Beutel, doch der Haufen wurde nicht kleiner. Irgendwann war der Karren fort und durch einen anderen ersetzt, in dem ein Korb stand. Der Korb enthielt einen großen Krug verdünnten Wein, einen kleinen mit neuem Lampenöl und einen Laib Brot und Käse.

Ich rief Dôlroin und wir aßen. In der Finsternis hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Ich fragte meinen Vorarbeiter, wann wir Feierabend machen wollten und wieder nach oben gingen. Er lachte. Das wäre noch viel zu früh. Eine oder zwei Wochen würden wir hier unten schon bleiben!

Ich dachte er hätte gescherzt. Doch wir blieben tatsächlich im Berg. Als Dôlroin sich nach dem Essen einrollte und zu schnarchen begann, begann ich es zu glauben.

Es war eine schreckliche Zeit. Erstickende Finsternis umgab uns. Ich schleppte und schleppte, während mein Zwerg sich immer tiefer und tiefer in den Berg grub, der Erzader folgend. Mit jedem Fuß, den er grub, verlängerte sich auch mein Weg zum Karren. Die Karren wurden regelmäßig ausgetauscht. Stets fanden wir im neuen Karren Lampenöl und Verpflegung: Brot, manchmal auch etwas Käse, immer aber verdünnter Wein. Der Austausch der Karren war die Aufgabe der beiden Halblinge. Mit Grubenponys, kleinen starken Tieren zogen sie die schweren Karren aus dem Berg heraus. So kam das Erz ans Licht. Ich aber blieb in der Finsternis, sortierte taubes Gestein aus und schleppte immer wieder die Ledertasche. Die Arbeit nahm kein Ende.

Mein Rücken, meine Hände, meine Füße, alles war zerschunden. Meine Schmerzen in den einzelnen Gliedern hatte ich längst überwunden, denn inzwischen tat alles weh, der ganze Körper. Wann immer es möglich war, floh ich in die Arme des Schlafs.

Irgendwann war plötzlich unverdünnter Wein in der Kanne und der Zwerg räumte sein Werkzeug zusammen. Als ich mich schlafen legen wollte, wie wir es nach den Mahlzeiten immer taten, stieß er mich an.

»Komm mit«, erklärte er. »Heute schlafen wir sauber und in unseren Betten.«

Wie im Traum folgte ich ihm nach draußen in die Welt mit Sonnenlicht. Der Rückweg schien selbst mit meinem geschundenen Körper weitaus kürzer zu sein, als der Weg in den Berg. Ich jubelte, als wir dem Ausgang näher kamen und mich ein erster Lichtschein von draußen grüßte. Als ich hin austrat, musste mich mein Zwerg führen, so sehr war ich geblendet.

Nun, nachdem ich mich baden konnte, gründlich geschrubbt bin und fast zwei Tage nur geschlafen habe, schreibe ich diese Zeilen und hoffe, dass ich morgen gut bezahlt werde.
* * * *

1. Tag im sommerlichen Wechselmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Eine Katastrophe! Morgen geht es wieder in den Berg. Meinen Lohn bekomme ich erst, wenn das Erz verhüttet ist und dieses »Verhütten« kann erst beginnen, wenn wir die Kohle in einem anderen Flöz abbauen, die wir dafür brauchen. Es sollte mir wohl ein Trost sein, als Dôlroin meinte, Kohle schürfe sich schneller und leichter. Ob mich das tröstet, weiß ich nicht.

Ich will nicht zurück in die Finsternis. Nicht noch einmal. Einst, so heißt es, waren alle Halblinge Bewohner von Erdlöchern, und einige der Stammesführer oder sehr reiche Leute daheim wohnen immer noch so. Doch das Wohnen in solch einer behaglichen Erdbauwohnung hat nichts, gar nichts mit der allesverschlingenden Finsternis des Bergwerks gemein. Ich will nicht erneut in diese Schwärze, in den Bauch des Berges. Doch schürfe ich nicht auch noch Kohle, bekomme ich kein Geld. Es ist zum Haareraufen.
* * * *

Folge 37

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12. Tag im Saatmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Was habe ich ein Stückchen weiter vorne nur für einen Unsinn geschrieben?

Das große Volk ist uns recht ähnlich, sie sind nicht unfreundlich, nur sprechen sie schneller?

Oje! Ich habe mich wohl allzu voreilig zu einem Urteil hinreißen lassen. Der erste Eindruck der Menschen war bislang der freundlichste. Ja! Sie sprechen schneller. Doch sie denken, wenn sie es tun, eher langsamer als unsereins. Vor allem scheinen zu viele von ihnen die Nase zu rümpfen, wenn sie jemandem begegnen, der kein Menschen ist.

Ich bin erst ein paar Tage unter ihnen und man hat mich bereits beschimpft, aus Gasthäusern geworfen, betrogen und regelmäßig treffen mich Blicke, die sich vor lauter Verachtung schmierig anfühlen.

Auch wir in den Rotsteinbergen sind Fremden gegenüber nicht allzu freundlich, doch wir sind wenigstens neugierig und wahren die Manieren.

Es ist nicht schwer, Arbeit zu finden. Doch den vereinbarten Lohn habe ich schon zweimal nicht bekommen. Und wen soll ich da zur Hilfe holen? Noch mehr Menschen? Man würde mir nur noch das Fell gerben! Dass Olfur sich hier bei den Menschen nicht wohlfühlte, kann ich zu gut verstehen. Noch habe ich Geld, doch ich vermute, die Preise steigen urplötzlich, sobald ich bezahlen will. Zahlt einer – ein Mensch einen Würzwein mit einer kleinen Münze, will man von mir für dieselbe Menge zwei. So steigt die Zeche immer weiter, je kleiner die Gäste sind.
* * * *

15. Tag im Saatmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Ich bin als Magd für ein paar Wochen untergekommen. Die Bauersleut sind nett und freundlich, wenn auch sehr still. Sie brauchen eine Magd für die Zeit, bis die Felder und Gärten bestellt sind.
* * * *

22. Tag im Saatmond 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Die Arbeit unter den Menschen ist härter als bei uns daheim. Nicht die Arbeit an sich. Doch alles ist so groß und schwer. Eine normale Mistgabel ist fast doppelt so lang wie ich. Und so ist es mit fast allem. Es ist von Menschen für Menschen gemacht. Ebenso alles andere: Karren, Tische, Truhen und Kisten. Wo ein Mensch einen Sack bequem von der Schulter auf einen Tisch oder in einen Kasten gleiten lässt, muss ich denselben Sack noch einmal nach oben wuchten und mich strecken.

So sind wir Halblinge als schlechte Arbeiter verschrien und bekommen schlechten Lohn für die Arbeit. Dass einer der Großen uns einfach kleineres Werkzeug gibt, mit dem wir besser arbeiten könnten, daran denkt keiner. Aber sie denken ohnehin nicht sehr gerne die Menschen. Es mag Ausnahmen geben, doch sie sind – soweit ich es erlebt habe – meist eher träge Geister. Wenn etwas gelöst ist, sei die Lösung nun gut oder auch nicht, sucht niemand nach Verbesserungen. Und das Problem mit der schlechten Arbeitsleistung von unsereinem ist gelöst: Man zahlt uns – wenn überhaupt – schlecht.
* * * *

15. Tag im Grünmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Ich habe meine Wiesenkate verlassen. Meine Arbeit ist dort getan.

Resolis, die Bäurin schenkte mir zu meinem Lohn noch einen Beutel mit gedörrten Zwetschgen. Eine gute Notration, die ich mir aufheben werde für Tage des Hungers.

Ich sitze gerade hier im Gasthof in einer kleinen Kammer. Der Wirt hat mir erzählt, dass es ein paar wenige Wegstunden weiter einen Mann gibt, der Arbeit besonders für uns »Kleine Leute« zu vergeben hat. Ich will dort morgen einmal hinschauen.
* * * *

16. Tag im Grünmond im
1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Ich habe eine Anstellung und ein Quartier! Der Wirt hatte recht. Ich sitze gerade in einem kleinen Schuppen, habe ein Bett aus einem prallen Strohsack und einer Wolldecke. Ab Morgen bin ich Hauergehilfin in Frumals Zeche.

Alleine reisende Halblingsfrauen scheinen selten zu sein. Ich errege allerhand Aufsehen. Vor langer Zeit soll eine Schweineheilerin auch hier eingekehrt sein. Es muss wohl fast dreißig Sommer her sein. Es ist gut möglich, dass ich eine Spur von Coronilla gefunden habe.
* * * *

Folge 36

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IX

Unter Menschen

6. Tag im Saatmond im
1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Es ist mir nicht allzu gut gegangen seither.

Als Magd in Dauerstellung habe ich nichts gefunden, was mir gefallen hätte. Auch als Schankmädel hätte ich es versucht. Doch die Wirte, bei denen ich nachfragte, hatten keinen Bedarf. Zufällig war ich in Sonngrubstätten, als man Boffo begrub und im Thing die Clansoberhäupter Bulfo den Langen zum neuen Oberhaupt aller Familien und Sippen wählten.

Beim Thing fand ich wenigstens Arbeit in der Küche, denn drei Tage mussten die Chefs mit dem Besten versorgt werden, was man im »Karpfen«, wo die Schwellköpfe tagten, auftischen konnte. Da war ein Paar zusätzlicher Hände willkommen. Ich lernte Bulfo sogar persönlich kennen – auf dem Weg zu den Aborten! Auch die Mächtigen müssen manchmal. Er ist ein freundlicher Mann, sehr viel beliebter als der verblichene Boffo. Dessen Sarg brauchte übrigens ganze 12 Träger und selbst die mussten sich sehr plagen.

Nach dem Thing habe ich Gumbold besucht. Ich hatte wohl schon bessere Ideen gehabt, als ausgerechnet meinen alten Geliebten und seine Frau heimzusuchen, wegen der er mich verlassen hatte. Ich spürte zwar weder Wehmut noch Zorn, doch er fühlte sich sichtlich unbehaglich. Er hat es insgesamt nicht schlecht getroffen. Der Hof ist klein, aber er ernährt seinen Bauern und seine Frau ist nett und verträglich.

Gestern habe ich für mich einen Entschluss gefasst. Ich werde die Rotsteinberge verlassen. Hier, bei den Halblingen, werde ich kaum mein Glück finden. Ich kann zwar Schweine pflegen, doch heilen kann ich sie nicht und ich habe auch sonst keine Talente, die man hier brauchen kann. Vielleicht wird es mir bei den Menschen leichter fallen, mein Leben neu zu beginnen. Immerhin sollen die Menschen von Schweinen kaum Ahnung haben und jeder Halbling, der ein wenig von Schweinen versteht, gilt dort schon als Experte. Also werde ich morgen aufbrechen zu den Menschen.
* * * *

9. Tag im Saatmond im 1. Jahr unter Bulfo dem Langen

Nun bin ich nicht mehr in den Rotsteinbergen. Halblinge nennen die Gegend hier »die Täler«. Die Menschen nennen sie »die Hügel«. Vieles ist ähnlich, wie zu Hause, doch es ist eindeutig ein anderes Land. Eine lange Straße führte mich einen halben Tag hierher, nicht wie sonst bei uns in stetem Wechsel von auf und ab. Doch bei diesem Auf und Ab führt sie den Wanderer stets weiter abwärts, als sie ihn dann wieder hinaufbringt. So geht es immer weiter hinab und auf den großen Stroms Illman zu.

Was mich angeht, so führt die Straße mich vor allem hinaus aus den Rotsteinbergen. Weg von Zuhause, auf meine Zukunft zu. Hier leben schon recht viele Menschen. Ich dachte immer, sie wären Riesen. Doch da sah ich sie immer nur vereinzelt und bei uns zuhause, wo alles auf das Maß eines normal gewachsenen Halblings zugemessen ist. Dort sind sie es wohl. Als ich zu den Menschen kam, wurde ich zum Winzling. Die Türklinken in Augenhöhe, Tische, an denen ich, wenn ich auf dem Stuhl sitze, kaum in den Suppennapf sehen kann.

Bisher ist es mir nicht allzu schlecht ergangen. Beim ersten Hof, bei dem ich nachfragte, gab es reichlich Arbeit, denn es war Brautag. So stand ich einen Tag lang am Kessel und rührte die Maische, während der Knecht sorgsam das Feuer schürte, damit der Kessel stets die rechte Temperatur habe. Die Arbeit verdiente mir einen Platz im Heuboden, ein Mittagsmahl, ein Abendessen und einen guten Happen als Frühstück.

Das große Volk ist, soweit ich es erkennen kann, größer, aber uns recht ähnlich. Sie sind nicht unfreundlich, auch wenn sie mich nicht gerade warm willkommen heißen. Ich fürchte, Olfur hat da ziemlich übertrieben. Nur eines unterscheidet uns tatsächlich: Sie sprechen schneller.
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Folge 35

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16. Tage im Schneemond im 22. Jahr unter Wabbelboffo

Rechtzeitig zwei Wochen vor dem Dreschfest trat ich heute Abend vor Bengold hin und sagte mein Sprüchlein auf, wie es der Brauch verlangt:

Hör, Bauer, an, was ich dir sag:
Die neue Saat, das neue Jahr
ist nimmer meine Sach!
Zum Dreschfest scheid‘ vom Dienst ich aus.
Ich künd‘ dir Dienst und Stellung.
Ich wünsch dir Glück auf deinem Weg.
Wünsch du mir Glück auf meinem.
Richt meinen Lohn her, bis ich geh.
Zieh ab, was ich dir schulde,
lass uns in Frieden scheiden
und schenk mir, so du mir nicht grollst
noch einen Korb mit Atzung.

Mein Bruder schwieg, doch sein Gesicht zeigte mir eine sonderbare Mischung. Bedauern und Sorge spiegelte es, doch auch Erleichterung glaubte ich zu erkennen.

Valli aber konnte nicht still bleiben. Sie holte tief Luft und ließ eine Schimpftirade vom Stapel, in der »undankbare Person« noch einer der schmeichelhaftesten Ausdrücke war, mit denen sie mich belegte. Als sie mich zum dritten Mal eine unverbesserliche Querulantin schimpfte, machte Bengold dem Gekeife ein Ende. Dieses eine Mal wies er sie tatsächlich in die Schranken.

»Genug!«, rief er. »Sie ist weder Gefangene, noch unfreie Hintersasse. Wenn sie diesen Weg gewählt hat, kann sie ihn gehen. Es ist ihre Entscheidung, nicht unsere.«

Valli wollte noch etwas entgegnen, überlegte es sich dann aber anders und zog mit verkniffenem Mund, den runden Kindsbauch vor sich hertragend ab, um zu schmollen.
* * * *

30. Tag im Schneemond im 22. Jahr unter Wabbelboffo

Mein letzter Abend zu Hause. Ich lasse viel zurück. Mein Bündel ist leicht. Ein paar wenige Kleider, den Dolch, die Haarspange, mein Geld und Dich, mein Tagebuch.

Wohin es geht? Ich weiß es nicht. Vor allem weg von hier. Und dann? Wer kann es wissen. Hat nicht einst ein weiser Mann die Wege mit dem Lauf des Wassers verglichen? Wohin mein Weg mich führt, zu welchem Ziel mein Geschick mich treibt, wer kann es wissen …

Bengold war da. Er brachte mir einen Deckelkorb mit Wegzehrung und steckte mir sogar noch einiges an Geld zu, von dem Valli besser nichts erfahren sollte. Dann bat er höflich, ob er sich setzen dürfe. Ich nickte.

Eine Weile schwieg er. Auch ich hatte nicht das Bedürfnis, das Schweigen zu brechen. Wer nichts sagt, sagt auch nichts Falsches.

»Ich bedaure, dass du gehst«, sagte er schließlich. »Doch vielleicht hast du ja recht und es ist die richtige Entscheidung.«

»Hierzubleiben wäre die falsche Wahl«, sagte ich und ich sagte es ruhig, ganz gelassen.

Wieder schwiegen wir. Dann meinte ich: »Als Vallis Kinderfrau hätte ich keine Zukunft. Ich würde deine Kinder lieb gewinnen und mich fügen, auf Jahre hinaus. Und dann … dann wäre es zu spät, um ein Leben auf eigenen Beinen zu beginnen.«

»Doch was erwartet dich, wenn du weggehst?«

»Ich weiß es nicht. Ich denke aber, es erwarten mich sicher Möglichkeiten, Gefahren und Gelegenheiten, die ich hier nicht habe.«

»Du könntest in der Ferne scheitern, so wie unsere Tante Coronilla. Ich will nicht, dass du nur zum Sterben heimkommst.«

»Ja, ich kann scheitern. Natürlich. Doch ich habe immerhin die Chance, mein Leben selbst zu gestalten, so wie ich es will.«

»Ich wünsche dir von Herzen Glück«, sagte er und tat dann etwas, was er schon eine Ewigkeit nicht mehr gemacht hatte: Er nahm mich in seine Arme.
* * * *

Folge 34

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3. der Wechseltage vor dem 22. Jahr unter Wabbelboffo

Vater ist heute am Morgen gestorben. Unsere Heilkunst und die all unserer Nachbarn war vergebens. Er lag nur mehr in seinem Bett, ganz apathisch und schlief fast die ganze Zeit. Seine ganze rechte Seite war gelähmt. Er sprach nicht mehr. Als er auch nichts essen wollte, wurde uns klar, wie sterbenskrank er war.

Nach meiner Arbeit saß ich an seinem Bett und wachte. Ein Mal noch wurde er wach, bevor er starb, erkannte mich und griff meine Hand. Er blickte mir in die Augen, drückte sie fest und ich spürte, wie das Wenige seiner Kraft und seines Willens auf mich überging. Ich fühlte, wie ich stärker wurde, während sein Lebensquell zur selben Zeit versiegte. Dann schloss er matt seine Lider und ließ mich los. Eine Stunde später war er tot.
* * * *

4. Tag im Schneemond im 22. Jahr unter Wabbelboffo

Morgen wollen wir Vater begraben. Urtica, die neue Magd, kam schon für ein paar Tage herüber, um uns bei den Vorbereitungen zu helfen.

Ich kann sie nicht leiden. Sie ist jünger als ich und ein raffiniertes Miststück. Schon von der ersten Minute an tat sie Valli schön und machte sich lieb Kind bei ihr. Mir gegenüber war sie aber nur freundlich, wenn Bengold oder Valli zusahen. Allein mit mir wurde sie schroff und tat alles, um mir das Arbeiten zu erschweren. Holte ich Wasser für die Küche, nahm sie den Kübel zum Putzen. Räumte ich einen Platz frei für etwas, hatte sie ihn flugs wieder vollgestellt.

Das wäre alles noch mit Gedankenlosigkeit zu erklären, wenn ich nicht ihre Blicke sehen würde. Harte Blicke, voller Neid und Gier. Sie hat wohl den Ehrgeiz, aus meinem Streit mit Valli für sich den größtmöglichen Vorteil zu schlagen.

Nun, da es endlich Abend ist, kann ich Vater betrauern und überlegen, wie es weitergehen soll.
* * * *

6. Tag im Schneemond im 22. Jahr unter Boffo Schmerbauch

Urtica ist wieder zu ihren Leuten zurückgekehrt. Einstweilen. Es dauert noch fast einen Monat, bis sie zum Dreschfest bei uns anfängt. Doch insgeheim zweifle ich, dass es ein »bei uns« sein wird. Sicher … sie wird herkommen. Doch ob ich bleiben will, ist noch nicht sicher.

Valli hat immer noch Kreide gefressen und ist von einer verdächtigen Liebenswürdigkeit. Doch diesem Frieden traue ich nicht. Auch Urtica sehe ich mit viel Argwohn. Sie ist ein Aas, denn nach oben zu Valli zeigt sie stets ihre Honigseite, doch nach unten tritt sie und spinnt schlaue Intrigen. Ein Leben und Arbeiten mit ihr wird so angenehm wie ein nässender Hautausschlag. Lieber ringe ich mit einem wilden Warzenbär. Wie es mir ergehen wird, wenn sich Urtica und Valli gegen mich verbünden, will ich mir nicht ausmalen. Doch dieser Tag wird kommen, da bin ich mir ganz sicher.

Valli aber ist voll des Lobes über die neue Magd. Beim zweiten Frühstück ließ sie sich ausführlich aus, wie tüchtig, flink und zuverlässig sie doch sei. Ich schwieg.
* * * *

9. Tag im Schneemond im 22. Jahr unter Boffo Schmerbauch

Ich war heute bei den Gräbern und habe Abschied genommen von Großvater, Vater und Mutter. Aus verschiedenen Andeutungen und Bemerkungen habe ich nun herausgehört, wie Valli sich meine Zukunft auf dem Hof vorstellt.

Urtica soll die Magd sein und ihr bei der Wirtschaft in Haus und Hof zur Hand gehen – was meine Rolle bisher war. Und so, wie Urtica sich einschleimt und eifersüchtig versucht, sich unentbehrlich zu machen, wird sie es wohl binnen Jahresfrist sein, die die Wirtschaft schmeißt und die heimliche Herrin auf dem Hof ist.

Ich soll mich vor allem um meine Neffen und Nichten kümmern. Und um die Wäsche – Windelwäsche. Da die Kinder, Valli redet in der Mehrzahl, als sähe sie eine lange Reihe von plärrenden Hosenscheißern vor sich …

Solange »die Kinder« also klein sind, sollen sie im Alkoven zwischen ihrer und meiner Schlafkammer untergebracht werden. Ich soll dann wohl bei jedem Quäken und Schreien aufspringen und den Nachwuchs beruhigen. Das passt mir ebensowenig wie die große Nähe zu ihr, in die mein Zimmer gerückt wäre. Geht es nach Valli. trennen uns bald dann nur mehr die zwei dünnen Brettertüren eines Alkovens. Keine verlockende Aussicht, wenn ich bedenke, dass Valli gerne lange Ohren macht.

Und meine Zukunft? Wenn ich erst einmal die heißgeliebte Tante des Kindes sein werde – und all der Kinder, die da noch kommen sollen, werde ich mit zarten Ketten an den Hof gebunden sein – auf Jahre oder Jahrzehnte.

Also würde ich auf dem Hof bleiben. Unter Valli. Und unter Urtica oder – wenn nicht unter ihr, dann unter einer anderen tüchtigen Hausmagd, die Vallis Vertrauen hat und ihre Stellung und Macht im Hause sicher verteidigen wird.

Wollte ich so leben? War das das Dasein, für das ich gestritten hatte? Nein! Das war nur eine hübsch verpackte Kapitulation.

Ich werde gehen. Zum Dreschfest. Wohin? Ich weiß es nicht nicht. Es wird sich weisen.
* * * *

Folge 33

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VIII

Einsichten

4. Tag im Goldmond im 21. Jahr unter Wabbelboffo

Ich habe kaum Zeit, über Coronillas trauriges Schicksal nachzudenken.

Valli ist eine Last und eine Plage. Je runder ihr Bauch wird, um so ruppiger wird ihr Ton. Nicht nur mir gegenüber. Meinem Bruder tut sie natürlich schön, doch Vater fährt sie an, wie es einer Schwiegertochter nicht ansteht. Das spricht sich sogar schon in der Nachbarschaft herum – ganz ohne mein Zutun. Vereinzelt werde ich auch wieder gegrüßt und man spricht mit mehr Freundlichkeit mit mir. Auch wenn man mein Dasein als Magd im Hause der Eltern allgemein nicht gutheißt, scheint man offenbar nicht mehr nur allein bei mir die Schuld zu suchen.

Ein kleiner Fortschritt.
* * * *

6. Tag im Nebelmond im 21. Jahr unter Wabbelboffo

Bia ist nach einem Streit mit Valli zurück zu ihren Eltern gefahren. Ihr frecher Schandschnabel wird mir fehlen.

Vater macht mir Sorgen. Er wirkt angeschlagen. Ich weiß, dass der ewige Streit im Haus sehr an ihm zehrt. Doch es ist mir nicht gegeben, dies nun zu ändern.
* * * *

1. der Wechseltage vor dem 22. Jahr unter Wabbelboffo

Hoffnung und Schrecken gehen Hand in Hand.

Was für ein Tag! Ich bin noch völlig durcheinander.

Valli bat mich zu sich in ihre Wäschekammer, in mein altes Zimmer. Sie bat mich! Ich hörte es zufällig mit an, wie sie Bengold auftrug, mich zu bitten, zu ihr zu kommen. So viel Höflichkeit bin ich von ihr nicht gewohnt.

Sie saß in einem Lehnstuhl, bot mir aber auf einem Schemel Platz an. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde, doch ich ahnte nichts Gutes, wie ich sie da sitzen sah, selbstgefällig lächelnd, hinter ihrem kugeligen Bauch.

»Nun, da ja bald das Kind kommt, sollten wir vernünftig reden«, begann sie. Ich lauschte.

»Freundschaft wird uns, fürchte ich niemals verbinden können«, fuhr sie fort. »Aber wir können sicher einen Weg finden, uns gegenseitig zu achten.«

Ihr Lächeln bekam plötzlich einen schleimigen Glanz. Ich nickte stumm.

»Du bist keine Magd, du bist Tochter des Hauses. Ich will, dass du wieder bei uns lebst.«

»Hier, in meinem alten Zimmer?«

Sie lächelte noch immer, doch ihre Augen lächelten nicht mit. »Wenn du es so willst, ja. Wir könnten die Wäschekammer ins kleine Zimmer umziehen. Und hier wärst du ja auch viel näher am Kind. Ich denke, wir könnten hier in der Wand zu unserem Zimmer einen Alkoven einbauen, der von beiden Seiten zu öffnen ist, sodass du auch in der Nacht das Kind versorgen kannst. Außerdem brauchen wir die Mägdekammer für eine neue Magd. Ich will dich nämlich entlasten und habe zum Dreschfest Urtica von den hinteren Hanghöfen als Magd eingestellt.«

Während sie noch weiter von Versöhnung sprach und davon, dass ich gemäß der Tradition Patin des Kindes werden sollte, fragte ich mich, ob ich ihr trauen konnte. War es ein echter Versöhnungsversuch oder nur eine Finte?

Noch ehe ich etwas entgegnen konnte, hörten wir nebenan einen dumpfen Schlag. Wir rannten hinüber und fanden Vater am Boden. Er war gestürzt und schien benommen zu sein. Wir setzten ihn auf. Seine ganze rechte Gesichtshälfte war sonderbar schlaff und wirkte heruntergefallen.

Valli sprach aus, was ich befürchtete: »Vater, du hast ja einen Schlag!«
* * * *

Folge 32

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12. Tag im Erntemond im
21.im Jahr unter Wabbelboffo

Natürlich habe ich an diesem Abend nicht den ganzen Bericht schreiben können. Ich habe ihn mehrfach ergänzen müssen.

Als ich von Olfur schied, weinte er und gab mir zum Abschied den Brief mit. Er ist ein sehr unglücklicher Mann, alt und verbittert, weil er seine Liebe nicht halten konnte. Nun bin ich seit einer Woche wieder hier. Die Herrin des Hofes war ungnädig, doch das Gewitter ihres Zorns ist schließlich wieder an mir vorübergegangen.

Ein besonderer Schatz ist aber der Brief meiner Tante. Ich habe ihn hier eingeleimt.


Krisobald grüßt Olfur. Ich bin der Schraiber, der für Coronilla diese Worte aufsetzt. Ich hoffe, du findest einen Runenkundigen, der dir den Brief vorliest.

Lieber Olfur,

es ist Dir kaum ain Trost doch du hattest recht. Das Tal hat mir kain Glück gebracht. Du sagtest, du würdest den Tag verfluchen, an dem wir das erste Schaf trafen. Verfluche ihn ruhig, denn diese Begegnung hat mich umgebracht. Ich bin zwar wieder zu Hause, doch ich bin krank. Ich kenne mich bei Schwain und Schaf gut genug aus mit Krankhaiten, dass ich es erkenne: Es wird kaine Hailung geben.

Wie sehr bedaure ich, dass ich damals, als wir noch aine gemainsame Zukunft hatten, diese nicht sofort mit dir aufbauen wollte. Nun, da ich mainen Fehler erkenne, haben wir keine Zukunft mehr, die wir tailen können. Ich habe kaine Zukunft mehr. Zwai Winter im Tal haben mir alle waiteren Winter geraubt. Wenn ich das goldene Herbstlaub noch ainmal sehen kann und Schwaine, wie sie in Aicheln schwelgen, dann werde ich mich glücklich nennen. Doch wahrschainlicher und auch gnädiger ist ain Tod schon bald, noch im Sommer.

Ich danke Dir für Daine Treue, für Daine Liebe und für Daine Geduld. Lebe ain langes und frohes Leben, mach ain nettes Mädel zu ainer stolzen Frau und züchte muntere Schwaine,

leb wohl,

Coronilla

Dies schrieb getreu Wort für Wort, wie es mir diktiert wurde,

Krisobald von der Schattenmulde

Folge 31 d

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So zogen die beiden durchs Land. Und nach einer Weile teilten sie nicht nur ihr Brot. Von dieser Zeit erzählte Olfur voller Lebendigkeit und Wärme. Er lernte vieles von ihr, doch bald stieß er an seine Grenzen. Trotz seines guten Schweinepfötchens war Coronillas Talent etwas ganz Besonderes.

Zusammen hatten sie viel Erfolg. In den Zwischentönen hörte ich heraus, dass Coronilla mit einem Burschen an ihrer Seite bei den Bauern nun besser ankam als allein. So wanderten sie mehr als ein Jahr lang ohne Sorgen durchs Land. Es war – wenn man dem Alten glauben durfte – die beste Zeit, die er und auch sie je hatten.

So gelangten sie in die Westerhügel, wo aus man, wie er mir erklärte, weit ins Land jenseits unserer Heimat blicken kann, über die weiten, vorgelagerten Hügel hinaus bis ins Tal des Illman.

Dort, in den Westerhügeln, wo es keine dichten Buchenwälder mehr gab und wo auch die Eichen nur mehr selten wuchsen, da lernten sie, wie er es nannte, Coronillas Verhängnis kennen: Schafe.

Olfur erzählte, dass meine Tante sofort fasziniert von den Tieren war, die ihr so unvertraut waren. Olfur konnte sie weder leiden, noch fand er sie bemerkenswert. Er wollte wieder zurück in das Kernland der Schweinezucht, wo sie stets genug zu tun und genug verdient hatten. Doch Coronilla wollte mehr über die Schafe wissen. Sie wollte sie kennenlernen und erforschen. Sie war ganz begierig, etwas ganz Neues lernen zu können.

»Wir hätten uns ein Fleckchen suchen sollen, im Kernland, eine kleine Zucht, Hausbesuche bei kranken Schweinen in der Gegend, vielleicht auch kostbare Rennschweine mit Wehwehchen für andere in Pflege nehmen … Wir hätten uns eine Existenz aufbauen können. Doch sie wollte unbedingt mehr über Schafe wissen. Wir stritten uns oft. Und am Ende lenkte ich ein. Ich sagte, ich würde mit ihr zu den Schafen gehen und sie begleiten. Ich dachte, ein paar Wochen lang wären wir weg, eine Art langer Ausflug. Ich habe mich geirrt!«

So kehrten sie im Winter, nach der Eichelmast zu den Westerhügeln zurück. Coronilla beschäftigte sich dort mit Schafen, ihren Klauen, dem Ungeziefer in ihrer Wolle, ihrer Verdauung und wie sie ihre Nöte ausdrücken. Im Frühling wollte Olfur zurück in die Berge, doch Coronilla wollte hinab zum Fluss. In den Marschen sollte es noch viel mehr Schafe geben und auch Schäfer, die sie lehren konnten. Und flussab war Garbath, die große Stadt. Dort wurden Schafe und Wolle gehandelt, auch hier gab es gewiss viel zu lernen. Auf den Märkten würde sie genau erfahren können, was ein Schaf wertvoll macht und was nicht. Sie stritten sich, sie versöhnten sich und gingen ins Tal hinab, gegen Olfurs Wunsch und Willen.

»Es war eine böse Zeit. Dort unten wohnen Menschen, großes Volk. Sie verachten uns, sie verspotten uns, und wenn sie können, dann betrügen sie uns. Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist. Der gemeinste Halbling ist nicht halb so fies zu einem Fremden wie die Menschen zu unsereinem. Sie beleidigen uns grundlos und man muss dankbar sein, wenn sie einen nicht schlagen. Ich fand die Leute dort schrecklich. Ob Coronilla das auch so erlebt hat, weiß ich nicht. Sie sah nichts anderes als Schafe. Schafe hier und Schafe dort. Lahme Schafe, Schafe mit loser Wolle, mit Schaffieber, Euterschwellung, entzündeten Augen und grünem Nüsterschleim. Sie hatte ihre Schafe und lernte wie besessen, was immer es über diese dummen Viecher zu lernen gibt.«

Hin und wieder fanden sie wohl auch einen Schäfer, der ihr half, sie etwas lehrte, doch meist waren die Menschen sehr unfreundlich und kaum bereit, ihnen ein Quartier zu vermieten, oft schliefen sie im Stall, direkt bei den Schafen.

Wenn Osgold dachte, Coronilla würde bald genug haben und wieder nach Hause kommen wollen, dann irrte er sich. Sie waren wohl ein halbes Jahr unter den Menschen, denn es war wohl spätes Frühjahr oder früher Sommer, das hatte Olfur endgültig genug:

»Spott und Beleidigungen konnte ich vertragen. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran. Doch dass sie uns stets um unseren Lohn betrügen wollten, war schlimm. Coronilla konnte inzwischen einigen kranken Schafen wieder auf die Hufe helfen. Doch wenn wir den vereinbarten Lohn verlangten, jagte man uns mehr als einmal davon. Wenn wir also einmal Lohn bekamen, war er doppelt kostbar. Und das Leben war teuer im Tal. Auch deshalb, weil sie uns ja auch beim Handeln stets übervorteilten. Verkaufte ein Bäcker einem Menschen ein Brot, so nahm er einen halben Bronzeschilling für einen großen Laib. Kaufte unsereins ein Brot, war es kleiner und kostete mehr. Als ich – ich, nicht sie – in einer Woche dreimal Prügel erhalten hatte statt des Geldes, das wir vereinbart hatten, da hatte ich genug. Ich wollte heim. Coronilla nicht. Wir stritten. Wir stritten so schlimm wie noch nie und dann ging sie weiter – flussabwärts nach Garbath und ich ging in die Berge zurück. Drei Jahre hörte ich nichts mehr von Coronilla. Dann aber bekam ich diesen Brief. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, doch sie muss erfahren haben, dass ich hierher gekommen war.«

Zuletzt hatte Olfur mir den Brief zu lesen gegeben, den Coronilla ihm geschrieben hatte.
* * * *